Ortschaftsratssitzung vom 09.07.2026: Vergabe des Hochwasserschutzes Steinbisstraße beschlossen, Klappschott gestrichen
9. Juli 2026: In der öffentlichen Sitzung des Ortschaftsrats Roßwälden stand ein Punkt auf der Tagesordnung, auf den viele Roßwäldenerinnen und Roßwäldener seit dem 2. Juni 2024 warten: die Vergabe der Hochwasserschutzmaßnahmen an der Unterführung Steinbisstraße. BÜKARO war vor Ort. Die gute Nachricht vorweg: Es wird gebaut. Die weniger gute: Es wird nicht das gebaut, was der Bürgerschaft vor knapp einem Jahr im vollbesetzten Farrenstall präsentiert wurde.
Die Vergabe in Zahlen
Herr Richter vom Fachbereich Bauen und Umwelt stellte die Beschlussvorlage vor. Sieben Firmen wurden zur Angebotsabgabe aufgefordert, vier haben bei der Submission ein Angebot abgegeben.
- Günstigstes Angebot: Fa. Kiltz, Notzingen, mit 224.244,08 € brutto
- Teuerstes Angebot: 351.647,62 € brutto (156,8 %)
- Kostenberechnung des Planers: 208.000 € brutto
- Im Haushalt eingestellt: 225.000 € (einmalig)
- Förderung: laut Beschlussvorlage nicht möglich
Der Zuschlag liegt damit rund 7,8 % über der eigenen Kostenberechnung. Die Stadt begründet dies in der Vorlage mit der wirtschaftlichen und weltpolitischen Lage und den daraus folgenden Preissteigerungen bei ölbasierten und energieintensiven Bauprodukten.
Der Ortschaftsrat stimmte der Vorlage einstimmig zu. Nach der Beratung im Ausschuss für Technik und Umwelt am 14. Juli hat der Gemeinderat die Vergabe am 21. Juli 2026 beschlossen. Der Auftrag ist damit erteilt.
Was jetzt gebaut wird
Herr Traub vom Ingenieurbüro SI Beratende Ingenieure stellte im Anschluss die angepasste Planung vor, und die kommt ohne das ursprünglich vorgesehene mechanische Klappschott aus. Geplant ist stattdessen eine mobile Dammbalkenschutzwand an der Unterführung:
- Beidseits der Unterführung werden Stahlbetonmauern errichtet, die entlang der Flügelmauern des Brückenbauwerks der L 1152 hinterfüllt werden. Sie dienen als Stützmauern, als Absturzsicherung und nehmen die Führungsschienen der Dammbalken auf.
- Die Dammbalken bestehen aus Aluminiumprofilen von ca. 15 x 20 cm.
- Die Führungsschienen sind für eine Aufstauhöhe von bis zu 3,0 m ausgelegt, das geplante Stauziel beträgt 2,0 m über Oberkante Belag der Unterführung.
- Auf der nördlichen Fläche entstehen eine Lagerbox für die Dammbalken sowie ein schwenkbarer, von Hand zu bedienender Kranarm. Der Einbau soll mit zwei Personen und von außerhalb des überflutungsgefährdeten Bereichs möglich sein, ohne zusätzlich herbeizuschaffende Fahrzeuge oder Geräte.
- Über Treppenstufen im Böschungsbereich wird der Zugang von der L 1152 aus sichergestellt. Eine 1 m hohe Brüstung sichert die Standflächen.
- Der Straßendamm wird mit Erdreich hinterfüllt und durch einen Lehmschlag gegen Unterspülung gesichert.
- Parallel zur L 1152 wird der Wirtschaftsweg zwischen Steinbisstraße und Regenrückhaltebecken abgesenkt und verbreitert. So entsteht eine Notüberlaufmulde, die überschüssiges Wasser vor einem Überlauf über die Landesstraße in Richtung Unterführung ableitet. Der Weg wird anschließend in Schotterbauweise wiederhergestellt.
- Vorgesehen ist außerdem der Anschluss an das Frühwarnsystem mit Messpunkten, damit die Dammbalken rechtzeitig eingebaut werden können.
Ein Detail, das im Ort für Diskussionen sorgen dürfte: Die neuen Wände verengen die Durchfahrtsbreite der Unterführung dauerhaft von 6,5 m auf 4,5 m. Begründet wird dies mit technischen Erfordernissen hinsichtlich der Dammbalkenbreite.
Das Klappschott ist gestrichen: zu teuer
Am 24. Juli 2025 hat die Stadt Ebersbach im Farrenstall eine deutlich andere Lösung präsentiert. Wir haben damals ausführlich darüber berichtet. Das „Herzstück“ war ein überfahrbares, automatisches Klappschott mit 1,2 m Höhe und 4,5 m Durchfahrtsbreite, das sich über Schwimmkörper und Federmechanismus bei Hochwasser selbsttätig aufstellt. Der entscheidende Punkt damals: Dieses Schott hätte etwa 30 Minuten Zeit verschafft, um dahinter die eigentlichen Dammbalken mit einer Höhe von 2,8 bis 2,9 m zu setzen.
Genau diese Automatik entfällt nun ersatzlos. Auf Nachfrage aus dem Ortschaftsrat, warum die der Bürgerschaft öffentlich vorgestellte und als finanziert bezeichnete Lösung nicht mehr verfolgt wird, lautete die Antwort: Das Schott ist zu teuer. Als grobe Schätzung wurde hier alleine für das Schott ein Preis von 100.000 € genannt, 180-200.000 € mit Einbau.
Bemerkenswert ist dabei ein Blick in die Unterlagen: Die Beschlussvorlage der Stadt datiert vom 16. April 2026 und spricht bereits ausschließlich von einer „Dammbalkenausbildung an der Unterführung“. Die Umplanung stand also seit Monaten fest. Öffentlich vorgestellt wurde sie am 9. Juli 2026.
Was das praktisch bedeutet
Uns geht es nicht darum, eine Dammbalkenlösung grundsätzlich schlechtzureden. Dammbalken sind erprobte Technik, und die Planung ist im Detail durchdacht. Die Montage von außerhalb des Gefahrenbereichs, der handbetriebene Kranarm, die Treppenzugänge und der Lehmschlag sind sinnvolle Lösungen. Der Unterschied liegt woanders.
Der Schutz wirkt jetzt erst, wenn Menschen ihn aufbauen. Das Klappschott hätte sich selbst aufgestellt: nachts, am Wochenende, in der Urlaubszeit, auch wenn niemand vor Ort ist. Die jetzige Lösung setzt voraus, dass rechtzeitig gewarnt wird, dass zwei Personen verfügbar sind, dass sie Zugang zur Lagerbox haben und dass sie den Einbau beherrschen. Erst dann steht die Wand.
Das ist keine neue Sorge von uns. Bereits nach der Informationsveranstaltung im Dezember 2024 haben wir festgehalten, dass das Schließen der Staumauer möglichst automatisiert ablaufen muss, um auch bei kurzfristigen Starkregenereignissen nachts oder während Urlaubszeiten schnell reagieren zu können. Im Januar 2025 haben wir gegenüber der Ortsvorsteherin genau denselben Punkt vorgetragen. Anderthalb Jahre später ist die automatische Komponente gestrichen, und die organisatorische Antwort darauf steht noch aus.
Und die Stauhöhe sinkt. Im Juli 2025 war von Dammbalken mit 2,8 bis 2,9 m die Rede, und das künftige Stauvolumen wurde mit 46.000 m³ beziffert, gegenüber bisher 12.500 m³. Das geplante Stauziel liegt jetzt bei 2,0 m. Welches Rückhaltevolumen sich damit tatsächlich ergibt, wurde in der Sitzung nicht genannt. Immerhin: Die Führungsschienen sind für 3,0 m ausgelegt. Ob und unter welchen statischen Voraussetzungen später höher aufgestaut werden könnte, sollte die Stadt klarstellen.
Was bereits umgesetzt ist
Bei aller Kritik: An anderer Stelle ist sichtbar etwas passiert, und das wollen wir ausdrücklich festhalten. Die im Sommer 2025 angekündigten Sofort- und Nahmaßnahmen sind umgesetzt.

Das Retentionsbecken im östlichen Gewerbegebiet wurde ausgebaggert und der Damm erhöht. So entsteht zusätzlicher Rückhalteraum von rund 350 m³.

Auch der als Sofortmaßnahme angekündigte manuelle Spindelschieber ist inzwischen eingebaut. Bei kritischen Wasserständen kann die Feuerwehr ihn öffnen und eine Notentwässerung in die Talstraße ermöglichen.
Der manuelle Spindelschieber: Bedienung von Hand, über eine Spindel vom Schachtrand aus.

Die neu gebohrte Öffnung zur Notentwässerung, mit vorgesetztem Gitter gegen Treibgut.
Auch hier gilt allerdings dasselbe Muster: Es sind manuell zu bedienende Bauteile. Wer sie im Ernstfall wann öffnet, muss geregelt und geübt sein.
Offene Fragen aus Sicht von BÜKARO
Die Bauwerke sind das eine. Das andere ist die Organisation drumherum, und die gibt es unseres Wissens bislang nicht. Wir halten es für dringend erforderlich, dass parallel zur Bauausführung folgende Punkte erarbeitet und der Bürgerschaft vorgestellt werden:
- Notfallpläne: Ab welchem Pegelstand bzw. welcher Niederschlagsprognose werden die Dammbalken gesetzt? Wer entscheidet das?
- Meldeketten: Wie läuft die Alarmierung konkret ab, von den Messpunkten über die Leitstelle bis zu den Personen, die vor Ort tätig werden?
- Verantwortlichkeiten: Wer baut ein, Feuerwehr, Bauhof oder Bauamt? Und wer übernimmt, wenn die Feuerwehr wie am 2. Juni 2024 zeitgleich an vielen Stellen gebunden ist?
- Zugang und Schlüssel: Wo liegen die Schlüssel zur Lagerbox, wer hat Duplikate, und ist der Zugang auch nachts gesichert?
- Übungen: Der Einbau muss regelmäßig geübt werden, und zwar realistisch, mit den Personen, die es im Ernstfall tun müssen, und mit dokumentierter Aufbauzeit.
- Wartung: Wer prüft Führungsschienen, Dichtungen, Kranarm und Dammbalken in welchem Turnus? Wer kontrolliert die Notüberlaufmulde auf Verlandung und Bewuchs?
- Parksituation an der Schule: Die Zufahrt und die Standflächen müssen im Ereignisfall frei sein. Falschparker dürfen den Einbau nicht blockieren. Hier braucht es eine verbindliche Regelung und deren Durchsetzung.
- Rückhaltevolumen: Welches Stauvolumen wird mit einem Stauziel von 2,0 m tatsächlich erreicht?
Diese Fragen sind kein Selbstzweck. Eine Schutzanlage, die nur bei rechtzeitiger, geübter und personell abgesicherter Bedienung funktioniert, ist genau so gut wie die Organisation dahinter. Diese Organisation muss stehen, bevor das nächste Starkregenereignis kommt, nicht danach.
Zeitplan: aus Q2 2026 ist Sommer 2026 geworden
Im Maßnahmenplan vom Juli 2025 war das Fluttor an der Unterführung Steinbisstraße für das zweite Quartal 2026 vorgesehen, der Notüberlauf am Regenrückhaltebecken sogar bereits „ab Oktober 2025“. Vergeben wurde nun Ende Juli 2026. Ein konkreter Bautermin wurde in der Sitzung nicht genannt, es soll aber bald losgehen. Wir werden nachfragen und den Termin nachreichen, sobald er feststeht.
BÜKARO bleibt am Ball
Dass gebaut wird, ist ein Fortschritt, und dass der Ortschaftsrat einstimmig zugestimmt hat, zeigt, wie groß der Handlungsdruck im Ort ist. Wir begleiten die Umsetzung wie bisher konstruktiv und dokumentieren sie.
Was uns bleibt, ist ein Unbehagen: Der Bürgerschaft wurde vor einem Jahr eine automatische Lösung samt gesicherter Finanzierung vorgestellt. Gebaut wird eine manuelle. Die Begründung „zu teuer“ mag stichhaltig sein, nachvollziehbar wird sie aber erst mit Zahlen. Wir bitten die Stadt Ebersbach, die Mehrkosten des Klappschotts offenzulegen und darzulegen, warum die 2025 kommunizierte Finanzierung dafür nicht ausreichte.
Und wir bitten darum, die oben genannten organisatorischen Fragen nicht bis zur Fertigstellung liegen zu lassen. Beton und Aluminium schützen niemanden, solange nicht geklärt ist, wer sie im Ernstfall in Stellung bringt.














